Jon Gray untersucht den Zusammenhang von Fortschritt und Utopie, er
stellt fest das in den Vorhandenen Fortschrittsvorstellungen immer eine
Utopie verborgen ist[1]. Der Fortschritt gibt uns eine Unterscheidung,
ein Besser und damit auch ein Schlechter, den Rückschritt und die
interessante Frage ist, wie unterscheiden wir das Eine von dem
Anderen.
Hier schleicht sich die Utopie ein, sie stellt das Bild, das Kriterium
an dem wir diese Unterscheidung vornehmen. Hier sind die Dinge positiv
Bestimmt. Diese positive Bestimmung ist immer Gewalt, die positive
Bestimmung ist eine Form in die das Gegebene gepresst werden muss, das
ist schmerzhaft und reduzierend.
Hier ein paar einfache Beispiele:
Dieser dort ist ein Ausländer. Ein Nazi. Ein Putin Versteher. Eine linke
Zecke. Ein roter Apfel.
Der rote Apfel kann sich wenigstens nicht diskriminiert fühlen, aber er
ist auch ein potentieller Baum, eine hoch strukturierte Menge Zellen,
die gemeinschaftlich an der Reproduktionsarbeit des Organismus
teilnimmt.
Es läßt sich jedoch eine andere Fortschritts Begriff konstituieren, eine
Psychedelische Partei der 90’er war Fortschritt[2] ihre Bestimmung
von Fortschritt ist: “Fortschritt ist die positive neu Verschaltung der
Nervenzellen”, “Fortschritt ist Reinigung durch Kunst”, “Fortschritt
liebt Natur.” Hier erkennt man, das dieser Begriff des Fortschritts an
unsere Gefühle appelliert. Das positive der neu Verschaltung der
Nervenzellen ist nicht ausgesprochen und damit fixiert sondern
erkannt.
Wenn wir an das “inteligible an sich sein” der Dinge denken, wird uns
klar das die Dinge nur bestimmt werden können in dem uns durch die
Wahrnehmungsorgane gegebenen Kategoriensystem, d.h. wir sehen nicht die
Dinge sondern wir sehen von den Dingen was unser Wahrnehmungssystem von
ihnen registrieren kann. So weit Kant, und wirklich weiter sind wir
nicht. Wenn wir aber nicht die Dinge sehen, dann haben wir auch keine
Vorstellung von ihnen, keine die den Dingen entspricht, nur eine, die
der Art entspricht wie wir die Dinge Wahrnehmen. Das ist die Landkarte,
das, wie es Donald Hoffmann nennt, Interface[3]. Und so ist natürlich
jeder Vorstellung von der Wirklichkeit nie die Wirklichkeit selbst, auf
der Hand liegt das so jede Positive Bestimmung der Art X ist ein Y nie
wahr sein kann, denn Y liegt nicht in der Welt von X sondern auf der
Landkarte und, so ein X zu einer Selbstbetrachtung fähig ist, wird es
in seiner Betrachtung mit der Zuschreibung von Y nicht zu frieden
sein, da es sich selbst nicht in Y erschöpft sieht[4].
Hier liegt die Gewalt der positiven Bestimmung: In der Reduktion und der
falschen Zuschreibung. Das wir dies als ein Problem erkannt haben,
jedoch nicht in seiner vollen Tragweite, ist an den diversen
diversivitäts und Sprach Debatten der heutigen Zeit erkennbar. Zurecht
fühlt sich niemand richtig wohl mit den Zuschreibungen, denn sie können
nicht treffend sein.
Kants Ausweg war die negavitve Metaphysik, eine negative Bestimmung ist
auch eine Bestimmung. Sie hat die allgemeine Form X ist kein Y und mag
unbefriedigend klingen jedoch können eine Menge dieser Bestimmungen sich
über ein X legen und damit eine Form, eine Gestalt erkennbar machen.
Es ist ein “Sieh hin und du weißt.”[5]. Ein “klarmachen ändert”. Wie die
Musik appelliert es an ein Vorsprachliches Verständnis.
Wenn derKUEKeN die Vorstellung von Fortschritt definieren durch die
Frage:
Wie kann unsere Gesellschaft aufgebaut und strukturiert sein, sodass
sie unseren Kindern eine gute Gesellschaft und Gemeinschaft bietet? …
Dann ist die Antwort nicht … Als gute Gesellschaft möge die Fähigkeit
gelten, unsere Kinder zu wahreren, klügeren und besseren Menschen zu
machen, als wir es sind.
Die Antwort, was der Fortschritt in seine Essenz ist, lautet: Es ist
eine Freude anzuschauen.
Die Methode der Bestimmung ist insofern eine wichtige, da sie die Weiche
stellt, eine positive Bestimmung führt in den Nominalismus[6] oder den
Universalismus mit allen daraus folgenden Konsequenzen. Den Weg muss man
nicht gehen. Eine Bescheidenheit wie sie uns “Denken ist Glückssache”
nahelegt scheint viel angemessener. In diesem Glück erscheinen uns die
imanenten Wesenheiten, das intelligible Substrat. Und “Deren kritische
Fassung durch Kant ist der Punkt, von dem aus allein es wahren
Fortschritt geben kann: Fortschritt jenseits reduzierenden Denkens.”[7]
Die Reduktion, ob universalistisch oder nominalistisch motiviert,
operiert auf der Landkarte. Diesen Kategorienfehler gilt es zu
vermeiden:
“Kants negative Bestimmung der Essitia rerum verbietet einerseits, die
reale Welt reinem seins als ihrer cause prima zu Unterwerfen …”[8],
wendet sich zum einen gegen den Universalismus, “… Anderreseits
wiederspricht sie nicht weniger radikal der nominalistischen
Verpflüchtigung Methaphysischer Wesenheiten.”[9] Das Denken muss sich
auf diesem Kritischen Punkt[10] bewegen, in einem Koexistenzgebiet
zwischen den Phasen: “… Es ist nur dann wirklich human, wenn es seinen
personalen Träger primär als Zweck an sich selbst und niemals bloß als
Mittel behandelt.”[11] Dieses Koexistenzgebiet ist der Übergang, hier
gilt es zu verharren. Wir sind Mittel und Zweck der Verantwortung[12].
“Vorstellungen über die letzten Dinge verbietet die Negative Methaphysik
die zu ihr hinführt. Als kritsche Philosophie kann sie keinerlei
inhaltliche Beschreibung liefern: weder vom inneren der Natur noch gar
von einem Göttlichen oder von einer Endsituation der Menschheit.”[13]
Jedes Eschatologische Denken wird so ausgeschlossen, es gibt keine
Vollendung. Ein Fortschritt ist auch ohne Utopie möglich, und so fixiert
Haag den Fortschritt in der Philosophie:
“Die geistige Überwindung der einen wie der anderen Form von
philosophischem Irrationalismus, zu denen alle späteren Systeme bloße
Variationen darstellen, verlangt die Erkenntnis, daß der Schritt in die
Sphäre des metaphysischen Grundes von sich aus kognoszibler Dinge nur
negativ vollziehbar ist.”[14]
[1] J. Gray, Black Mass: Apocalyptic Religion and the Death of Utopia, 2007, https://books.google.de/books?id=qNAnAAAAYAAJ 9.34 Ende: “Lacking this insight, neo-liberals turned classical economics into a utopian ideology.”
[2] Fortschritt, Fortschritt - Partei der extremen Mitte, http://www.cashvote.com/.
[3] Donald D. Hoffman, The Interface Theory of Perception, in: Current Directions in Psychological Science, 25,3, 2016, S. 157–161, https://doi.org/10.1177/0963721416639702.
[4] Der Nazi sieht sich als guten Kumpel.
[5] Hans Verfasser Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, 1. Aufl., Frankfurt am Main 2003 (Suhrkamp Taschenbuch, Teil 3492), https://d-nb.info/966483308/04. Seite 235
[6] vgl. “radikale Nominalisierung”
[7] Karl Heinz Haag, Der Fortschritt in der Philosophie, 1. Aufl., Frankfurt am Main 1983, http://digitale-objekte.hbz-nrw.de/storage2/2019/04/07/file_25/8311494.pdf. Seite 199
[8] Haag, ebd. Seite 200
[9] Haag, ebd. Seite 200
[10] Wikipedia, Kritischer Punkt, https://de.wikipedia.org/wiki/Kritischer_Punkt_(Thermodynamik).
[11] Haag, [Anm. 7]. Seite 200
[12] Nur wenn wir uns selbst genauso verantwortlich sind wie den Kindern, Können wir den Kindern gegenüber verantwortlich sein. Denn durch uns wird die Verantwortung vermittelt.
[13] Haag, [Anm. 7]. Seite 200
[14] Haag, ebd. Seite 201


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