Bitcoin nach der US-Wahlnacht: Kurzer Absturz, schnelle Erholung – und Tether sitzt auf 150.000 Bitcoin
Die US-Zwischenwahlen haben den Bitcoin-Kurs in der Nacht kräftig durchgeschüttelt: Als erste Ergebnisse einen Erfolg der Demokraten andeuteten, fiel die Kryptowährung kurzzeitig auf rund 75.700 Dollar. Am Mittwochmorgen notiert sie wieder über 77.000 Dollar. Für Gesprächsstoff sorgen außerdem Tethers Bitcoin-Bestand, neue Hack-Meldungen und die Frage, woher die nächste Liquiditätswelle kommen soll.
Der Kurs: Achterbahn über Nacht#
Bitcoin bewegte sich dabei nicht allein. Die Futures auf den S&P 500 fielen um 1,3 Prozent, die Nasdaq-100-Futures sogar um 2,3 Prozent. Der Dollar gab gegenüber den meisten Währungen nach, die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sank um sechs Basispunkte auf 4,90 Prozent, und der MSCI-Asien-Pazifik-Index verlor fast 2 Prozent. Anleger fürchten bei einem Durchmarsch der Demokraten weniger billiges Geld. Staatsanleihen profitieren dagegen, wenn eine Blockade in Washington weitere Steuersenkungen und vor allem Ausgaben bremst.
Die Wahl: Demokraten erobern den Senat#
Inzwischen ist klar, dass die Demokraten die Mehrheit im Senat übernehmen. Für die Kryptobranche hat das konkrete Folgen: Der CLARITY Act, der Regeln für den US-Kryptomarkt schaffen soll, war im September bei einer Verfahrensabstimmung im Senat mit 49 zu 50 Stimmen gescheitert. Jetzt hat es keine Chance durch den Senat zu kommen.
Tether: 150.000 Bitcoin – und eine Lücke in den Unterlagen#
Die meistgeteilte Zahl des Tages kam aus Lugano. Tether-Chef Paolo Ardoino sagte laut Decrypt auf dem Plan ₿ Forum:
„We have give or take 150,000 bitcoin ourselves. It’s not much, but it’s honest work.“
Das wären rund 11,5 Milliarden Dollar. Bemerkenswert: Der Reservebericht für das dritte Quartal weist Bitcoin im Wert von 8,37 Milliarden Dollar bei einem Kurs von 83.621 Dollar aus – das entspricht etwa 100.060 BTC. Rund 50.000 Coins tauchen in den öffentlichen Unterlagen also nicht auf. Ardoino sagte nicht, wo sie liegen oder wann sie gekauft wurden; Tether betont seit Langem, dass Firmen-Bitcoin getrennt von den USDT-Reserven gehalten wird. Seit Mai 2023 steckt Tether bis zu 15 Prozent seiner realisierten Betriebsgewinne in Bitcoin, allein im dritten Quartal lag der Nettobetriebsgewinn bei 1,5 Milliarden Dollar.
Sicherheit: Hacks treffen jetzt auch Banken#
Die Hack-Serie der vergangenen Tage reißt nicht ab. ZachXBT nennt laut die französische Bankengruppe Crédit Mutuel Arkéa als mutmaßliches Opfer eines Krypto-Diebstahls von mehr als 133 Millionen Dollar. „I suspect the amount stolen is larger when accounting for OTC activity“, so ZachXBT. Die Bank hat ihre Beteiligung nicht bestätigt. Kraken und Crypto.com haben nach eigenen Angaben verdächtige Konten beschränkt. Die brasilianische Börse Mercado Bitcoin verspricht ihren Kunden nach dem Angriff vom 2. November vollen Ersatz; offiziell geht es laut News.Bitcoin.com um rund 38 Millionen Dollar, Arkham-Analyst Emmett Gallic schätzte mehr als 46 Millionen. Und Binance hat in seinem Untersuchungsbericht nachgezeichnet, dass der 6,3-Milliarden-Hack mit einem gefälschten Bewerbungsgespräch begann.
Längere Passphrasen, gefälschte Transaktionen, selbst gescannter Code: Was Bitcoin-Nutzer aus der Hack-Welle lernen
Die Technik-Nachrichten des Tages haben ein gemeinsames Thema: Sicherheit für den Alltag. Trezor erlaubt nach den Coldcard-Diebstählen deutlich längere Passphrasen, Bitcoin-Safe schützt vor manipulierten Daten aus dem Netzwerk, und ein Entwickler zeigt, wie man Open-Source-Code mit einfachen Mitteln auf Lücken prüft.
Trezor: Passphrasen bis 128 Zeichen#
Hardware-Wallet-Hersteller Trezor hat die maximale Länge der optionalen Passphrase von 50 auf 128 Zeichen erhöht. Das neue Limit steht laut Trezor-Blog mit der aktuellen Trezor Suite und neuer Geräte-Firmware zur Verfügung; ältere Firmware bleibt bei 50 Zeichen. CoinTelegraph zufolge gilt das für Model T, Safe 3, Safe 5 und Safe 7, das Model One bleibt beim alten Wert.
Trezor begründet den Schritt ausdrücklich mit den Coldcard-Diebstählen aus dem Sommer. Damals hatte ein Firmware-Fehler dazu geführt, dass manche Coldcard-Geräte ihre Wiederherstellungsphrasen mit viel zu wenig Zufall erzeugten. Angreifer konnten diese Phrasen offline nachrechnen und räumten tausende Adressen leer, insgesamt ging es um mehr als 100 Millionen Dollar. Nicht alle Betroffenen verloren Geld: „Those with a strong, unique passphrase were protected“, schreibt Trezor.
Einfach erklärt: Die 12 oder 24 Wörter der Seed-Phrase sind wie der Hauptschlüssel zu einem Haus. Die Passphrase ist ein zusätzliches, frei wählbares Passwort – oft „25. Wort“ genannt –, das aus demselben Schlüssel ein völlig anderes Haus macht, mit eigenen Adressen und eigenem Guthaben. Wer nur die Wörter kennt, steht vor dem falschen Haus. Der praktische Vorteil: Selbst wenn die Seed-Phrase gestohlen, abfotografiert oder wie bei Coldcard schwach erzeugt wurde, bleibt das Geld hinter einer starken Passphrase sicher. Mehr Zeichen bedeuten, dass man etwa einen ganzen Satz verwenden kann, der leicht zu merken, aber schwer zu erraten ist. Trezor warnt allerdings: Wer die Passphrase vergisst oder falsch tippt, verliert den Zugriff – sie muss genauso sorgfältig gesichert werden wie die Wörter selbst.
Selbst nach Lücken suchen: Talips Leitfaden#
Der Bitcoin-Entwickler Talip (@otaliptus), der laut The Bitcoin Insider als Erster den Coldcard-Hack bestätigte, hat einen Praxisleitfaden zum Scannen von Open-Source-Code veröffentlicht. In seinem Post dazu schreibt er, er habe zwei bis drei Monate lang Bitcoin-Repositories durchsucht: „The pace is surreal, and it's very hard to keep up.“ Der Leitfaden konzentriert sich bewusst auf Methoden, die „simple and cheap“ sind – für alle, die nicht die Mittel eines großen KI-Labors oder professioneller Red Teams haben. Der praktische Nutzen: Open Source ist nur dann sicherer, wenn tatsächlich jemand hinschaut. Je einfacher die Werkzeuge, desto mehr Augen prüfen den Code, auf dem Wallets und Knoten laufen.
Die Angriffe werden menschlicher – und KI-gestützt#
Wie wichtig das ist, zeigen die Berichte über die großen Hacks. Binance zufolge begann der 6,3-Milliarden-Dollar-Angriff mit einem gefälschten Bewerbungsgespräch; die Täter nutzten kompromittierte Mitarbeiterrechner, gestohlene Zugangsdaten und ein manipuliertes KI-Werkzeug. Der Dokumentations-Dienst GitBook, den viele Krypto-Projekte nutzen, meldete laut Decrypt einen KI-gestützten Einbruch und forderte Nutzer auf, Schlüssel und Tokens zu erneuern. Binance-Gründer CZ ruft laut The Block zu einer Sicherheitsallianz der Branche auf, weil KI-gestützte Angriffe zunehmen.
Die Lehre für Privatnutzer: Die Schwachstelle ist selten die Kryptografie von Bitcoin, sondern fast immer der Mensch und sein Computer. Eine Hardware-Wallet, die Transaktionen auf dem eigenen Display bestätigen lässt, und eine Verteilung auf mehrere Schlüssel helfen genau dagegen.


Kommentare
Noch keine Kommentare. Schreib den ersten.