2015 - ein Roman seziert das Gewebe unserer Zeit

Was Raymond Unger mit seinem im Augsust 2026 erschienen Roman "2015" gelungen ist, das findet sich heute selten: ein Geschichte, die unsere unmittelbare Vergangenheit in Deutschland derart facettenreich beleuchtet, dass man beim Lesen unwillkürlich seine eigenen Schatten bemerkt. Alles ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit erkennbarer Ambition, Verständnis zu wecken.

Thomas Eisinger

15. Oktober 2026October 15, 2026 · 2 Min. Lesezeit2 min read

Im August 2026 erschien der dritte Roman des Autors und Malers Raymond Unger (Europa Verlag, 380 Seiten). Während er sich mit KAI einige Jahre in die Zukunft begeben hatte, blicken wir nun elf Jahre in die Vergangenheit. Die Story ist fiktiv und real, verstörend und integrierend - in jedem Fall lässt sie niemanden unberührt. Der Titel bezieht sich natürlich auf das Jahr, in dem von Kanzlerin Merkel angeordnet die Öffnung der Grenzen erfolgte, doch um Politik geht es nur am Rande. Aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln nimmt uns der Autor mit in eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Polarisierung, Radikalisierung und Hypermoral.

Stolpenhagen, ein fiktives Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, wird zum Schmelztiegel von Generationen, Ethnien, Lebenslügen, Wessis und Ossis sowie den großen äußeren Ereignissen, denen die Figuren ausgesetzt sind. Ob sie wollen oder nicht. Unger hat ein Panoptikum von Charakteren erschaffen, die man alle irgendwie kennt. Die - wenn sie aufeinanderprallen - demonstrieren, dass es ein weiter Weg ist bis zur echten Verständigung. Dass es aber dennoch gelingen kann, nämlich dann, wenn echte Beziehung entsteht.

Dies ist ein Schlüsselthema des Romanes: wie Menschen mit konträren Weltbildern zueinanderfinden, weil sie gemeinsame Erlebnisse teilen. Weil Thorsten dem Guru ins Gesicht schlägt und damit dessen Leben verändert. Zum Positiven. Weil die Liebe immer wieder scheinbare Grenzen niederreißen kann. 2015 ist nicht nur eine spannend geschriebene Story, in der mehrere Handlungsstränge verquickt werden, der Roman ist im Kern ein Hoffnungsmacher dafür, dass Spaltung überwunden werden kann! Sofern man sich wirklich auf Andere einlässt.

Er ist aber auch ein Augenöffner. Dafür, dass Weltbilder manchmal zu großen Teilen durch Politik und Medien verformt werden. Und dass nur wenige den Prägungen ihres Milieus entkommen, meist ohne es zu ahnen. Mancher Charakter ist vielleicht zu Beginn ein wenig holzschnittartig konstruiert, gewinnt im Verlauf der Geschichte dann aber noch Tiefe und Kontur. Als Kritikpunkt fällt auf, dass die Handlungsfäden am Ende etwas hastig zusammengestrickt wurden, hier wäre ein wenig mehr Eintauchen in die Gefühlswelt der Protagonisten schön gewesen.

Was Raymond Unger mit 2015 gelungen ist, das findet sich heute selten: ein Geschichte, die unsere unmittelbare Vergangenheit in Deutschland derart facettenreich beleuchtet, dass man beim Lesen unwillkürlich seine eigenen Schatten bemerkt. Alles ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit erkennbarer Ambition, Verständnis zu wecken. Verständnis für vollkommen andere Lebensentwürfe, für die Unvermeidbarkeit so mancher Konflikte aber auch für das zu tiefst Menschliche im Scheitern und Gelingen.

 

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