Freie Medienakademie XLV

Wochen-Bericht: 10. bis 16. Oktober. Mit Hexen, einer neuen Schwimmkultur und einem Doppelblick ins Kino.

Michael Meyen

October 17, 2026 · 5 min read

Diese Woche: zweimal Hollywood. Digger und The Social Reckoning. Das heißt: zweimal Propaganda im Gewand von Kapitalismuskritik. Hier ein Ölbaron (Tom Cruise in Digger), dort Mark Zuckerberg höchstselbst, gespielt von Jeremy Strong, der schon in Succession ein Medienmogul war, dort noch in der Warteschleife auf das Erbe des Murdoch-Alter-Egos.

Bevor ich mich in den Details verliere: schade um das Geld. Digger ist platte Publikumsbeschimpfung. Wir sind schuld. Unsere Gier, unser Lebensstil, überhaupt alles, was wir tun. Die Konzerne gehen buchstäblich über Leichen, weil wir sie dorthin treiben und so auch dazu bringen, alle Studien zu vergessen, die das nahe Ende vorhersagen. Tom Cruise spielt einen Theaterstar, der in einer Welt nach der Apokalypse besagten Ölbaron verkörpert. Das Stück heißt „Fossil Fools“. Mehr muss man eigentlich nicht sagen. Außer vielleicht: Der echte Ölbaron ist zwar schon tot, seinesgleichen bestimmt aber nach wie vor, was läuft, während die „Fools“ und ihre Nachfahren im Dreck wühlen. Immerhin: Sehen wollte das außer mir kaum jemand. Die Presse orakelt über eines der größten Geldgräber der Kinogeschichte. Es gibt also Hoffnung.

Beim Facebook-Film ist der Verlust nicht ganz so groß, was daran liegen mag, dass Drehbuch und Regie hier das abliefern, was die großen Studios am besten können. Story und Figuren funktionieren. Kein absurdes Theater wie in Digger, aber eine Verdrehung der jüngeren Geschichte, wie man sie sich daheim am Schreibtisch gar nicht ausmalen kann und die nur zu erklären ist, wenn man die Debatten um Social-Media-Verbote und Netzregulierung mitdenkt. In Kurzform: Die Plattformen radikalisieren uns. Da ist nichts zu machen. Ein paar Klicks, und schon driften wir nach rechts. Zum Glück gibt es noch die echten Journalisten, die selbstverständlich Maske tragen, um das böse Virus abzuwehren, während in den Facebook-Büros Halligalli ist und Hetzern und Verschwörern grünes Licht gegeben wird. Am 6. Januar 2021 steht Jeremy Strong in der Zentrale und wird von Getreuen und Kritikern bedrängt, den Wahnsinn endlich zu stoppen. Der amtierende Präsident. Das geht doch nicht. Ich bin doch für die Meinungsfreiheit.

Sorry für die Ironie. Ist ja stets ein Risiko. Dieser Mark-Zuckerberg-Verschnitt ist wie der Ölbaron in Digger ein Kapitalist reinsten Wassers, getrieben von der Aussicht auf Profit und blind für alle Folgen, obwohl er, das ist beiden Märchen wichtig, weiß, worauf es hinauslaufen wird. In Hollywood gibt es die „Supermacht“ nicht, wie Sheldon Wolin die Ehe von Staat und Konzernen nennt, und auch nicht den „nationalen Sicherheitsstaat“ (Patrick Lawrence), der die Plattformen erfunden und nicht nur beim Capitol-Sturm gelenkt hat, sondern auch in den Maßnahme- und Impfdruck-Jahren, wie der echte Zuckerberg ja längst zu Protokoll geben durfte. Nach Erklärungen muss man nicht lange suchen. Hollywood selbst ist ein Produkt der Supermacht – mit Drehtüren nach Washington, am Tropf des großen Kapitals und unter Aufsicht von Diensten und Militär. Kann man fast vergessen, wenn man mit der schönen Whistleblowerin mitfiebert und mit ihrem Galan, dem Investigativreporter.

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Texte#

Man muss sprechen dürfen. Weiter weg von Hollywood geht nicht. Claudia Schillinger spricht mit Jürgen Schreyer über sein Leben. Kein großer Name, aber das volle Programm. Die Grünen und Sex mit Kindern, Umerziehung durch die Frankfurter Schule, Marcuse und die CIA. Bitte mehr von solchen Gesprächen, schrieb eine Leserin aus Berlin.

Schreiben ist Bewegung. Zweite Gedankenreise von Sabine Pint, die Don Quijote aufruft, Hermann Hesse und Gabriele Münter, um zu fragen, warum man schreibt – in Foren zum Beispiel, wo alle wild um sich schlagen. Antwort: Gedanken sortieren.

Falsche Sicherheit. Ein Interview mit Ansgar Schneider, 9/11-Experte und Ausdauersportler, das polarisiert hat. Es geht um Badeverbote im Rhein, die Herkunft von Ertrunkenen und Kinder, die als Nichtschwimmer aus der Schule kommen.

Kosmos, Hexen, Bastards. Eine XXL-Rezension, in der ich meine Sommerlektüre auswerte, dabei von links bis ganz nach rechts wandere und Neuland betrete.

Aller Tage Abend. Daniel Sandmann am Medien-Tresen: Das verspricht Denk- und Lesestoff für das Wochenende, zumal wie gewohnt auch etliche Promis aus der Gegenöffentlichkeit ihr Fett wegbekommen. Wichtigster Satz: „Keine KI vor dem Tod.“

Der Tag in drei Sätzen. (S)teuerung, Verbote, Politiktheater. Der Wahnsinn der Woche, mit Bildern aus Tirana, Ceuta und Tirol.   

Videos#

Eine „Bücherwelt“ ist gestern in die Postproduktion gegangen. „2015“ von Raymond Unger, nächste Woche nicht nur auf YouTube und The Plattform, sondern auch als Text auf unserer Seite. Da ich „Die Mediathek der Freien“ erwähnt habe: Dort kann man alles problemlos auch als MP3 herunterladen und dann im Auto hören.

Kurse#

Unser Programm für 2027 noch einmal zum Mitlesen

10. bis 14. März: Kompaktkurs Journalismus

8. bis 11. April: Reportage + Porträt, Kommentar + Rezension

23. bis 26. September: Interview

7. bis 10. Oktober: Journalismus-Retreat

Außerdem jederzeit (wochentags, Anfragen per Mail): Still bleiben, dagegenhalten, weglaufen? Wie wir im Gespräch bleiben.

Sonstiges#

Zweiter Auftritt bei „Auf1 am Abend“, diesmal zur Geopolitik. Ich gebe zu: Das war eine Herausforderung, da ich im Februar 2022 entschieden habe, nicht in die Details der Kriege einzusteigen. Wer mich live erleben möchte: 27. Oktober, Regensburg, Kolpinghaus, 19 Uhr. Thema: Journalismus und Macht. Und last but not least: Stefan Kohwagner ist tot, Rechtsanwalt aus München und lange Motor der Bürgerzeitung „Klartext“, ein Mann voller Tatkraft, Optimismus und leiser Ironie, obwohl sein Körper das eigentlich gar nicht mehr hergab. Ich bin sicher: Stefans Energie wird uns weiter begleiten.  

#hollywood#ki#nachrichten#politik#schreiben
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Medienforscher, Ausbilder und Journalist. Seit 2002 Universitätsprofessor an der LMU München.

michael_meyen@pareto.town

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