Freie Medienakademie XLVI

Wochen-Bericht: 17. bis 23. Oktober. Mit Günter Gaus, Wolfgang Berghofer und Mesut Özil.

Michael Meyen

October 24, 2026 · 4 min read

Wir waren im Osten diese Woche – im Oderbruch bei Kenneth Anders, der dort ein Museum leitet und ein Filmfestival, und in Königsbrück vor den Toren von Kamenz, wo Roland Dantz fast ein Vierteljahrhundert Bürgermeister war. Zwei Männer mit Wurzeln in der DDR, die nicht vergessen haben, wie es damals war, und bis heute von dem zehren, was alle erleben konnten, die Neunundachtzig schon erwachsen waren.

Als die Corona-Demos losgingen, sagt Roland Dantz, habe er an die Gruppe der 20 gedacht und an den 8. Oktober. Die Prager Straße in Dresden, ein Polizeikessel und Wolfgang Berghofer, ein Parteifunktionär, den manche Bergatschow nannten und der nun Menschen von der Straße ins Rathaus einlud.

Miteinander reden: Das ist die Formel, auf die ich unseren Ausflug bringen könnte. Roland Dantz hat sich auf den Marktplatz von Kamenz gestellt und den Maßnahmenkritikern gesagt, dass sie keine Nazis seien. Er hat das Theater der Stadt für Menschen geöffnet, die sonst nicht so leicht einen steuerfinanzierten Saal finden (Patrik Baab, Gabriele Krone-Schmalz, Uwe Tellkamp), dafür Gegenwind daheim und einen Tiefschlag von der FAZ kassiert, aber vor einem Jahr einen Abschied aus dem Amt bekommen, der ihm immer noch die Augen feucht macht.

Auf die Menschen zugehen, von ihnen lernen und so auch dann bei sich und vor allem im Gespräch bleiben können, wenn man nicht mit dem Strom schwimmt: Das haben wir auch bei Kenneth Anders gefunden, der uns in ein Theatergewölbe mitgenommen hat, voll besetzt mit Feuerwehr-Veteranen, die es sich gut gehen ließen bei Kaffee und Kuchen, mit Wurstbroten und Bier und die auf der Bühne sehen konnten, was der Stückeschreiber Kenneth Anders aus dem gemacht hat, was sie selbst erlebt haben. Wer so im Leben steht, der muss keinen Kotau machen vor der Ideologie, mit Vaclav Havel verstanden als Machtinterpretation der Wirklichkeit. Vielleicht lässt sich das aber auch gar nicht verallgemeinern und ist nur im Osten so, fernab der westlichen Einflugschneisen. So oder so: Freuen Sie sich auf die beiden Gespräche, die wir im Gepäck haben und bald hoffentlich auch im Netz.

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Texte#

Die Rache der Adligen. Björn Kosjak hat im Berliner Sprechsaal Hermann Ploppa erlebt, der einen neuen Feudalismus heraufdämmern sieht und ein Gegengift kennt: eigene Netzwerke, eigene Denkfabriken.

Ein Feld für Straßenköter. Netzwerk und Denkfabrik – im Kleinen machen wir das an der Freien Medienakademie. Hier ist dieser Text von Claudia Schillinger gewachsen, die Markus Lanz und Günter Gaus, Ben Berndt und Jürgen Fliege zusammenbringt und sagt: Neue Formen braucht das Land, auch bei den Interviews.

Lieber das vertraute Übel. Gleich noch etwas aus der Denkfabrik, geschickt aus der Schweiz von Michael Straumann, der das Märchen von der direkten Demokratie zerpflückt und zeigt, dass am Ende immer die Angst gewinnt und damit der politisch-mediale Komplex.

Deutsches Sittengemälde. Zur Abwechslung etwas Fiktionales, wobei: Der Roman „2015“ von Raymond Unger ist so nah dran an der Wirklichkeit, dass man Figuren und Situationen zu kennen glaubt. Rezension von mir.

Gewalt und Verwirrung. Was ist dran am Islamogauchismo? Und: Stehen wir vor dem Spannungsfall? Streifzug durch die Alternativkanäle von Helge Buttkereit. Letzter Satz: „Bleiben Sie kritisch und hüten Sie sich vor zu schnellen Urteilen.“

Der Tag in drei Sätzen. Auf den Fotos in dieser Woche: das Rathaus von Limoges, ein alter VW Käfer (Metapher für ein Land vor unserer Zeit), Steve Wittkof, Alice Schwarzer (ein Bild von 1977!) und Mesut Özil.   

Videos#

Wer meine Unger-Rezension nicht lesen mag: Wir haben daraus einen Film gemacht. 20 Minuten über „2015“, Ost-West und einen Autor, der (mindestens) vier Leben hat.

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Kurse#

Wenn Sie wie Björn Kosjak, Claudia Schillinger oder Michael Straumann einmal zu uns kommen und hineinschnuppern möchten in das Journalismus-Handwerk: Wir freuen uns auf Ihr Motivationsschreiben (wer bin ich, was kann ich schon, was fehlt mir noch). Gern weitersagen. Programm für 2027:

10. bis 14. März: Kompaktkurs Journalismus

8. bis 11. April: Reportage + Porträt, Kommentar + Rezension

23. bis 26. September: Interview

7. bis 10. Oktober: Journalismus-Retreat

Außerdem jederzeit (wochentags, Anfragen per Mail): Still bleiben, dagegenhalten, weglaufen? Wie wir im Gespräch bleiben.

Sonstiges#

Der Verein 1bis19 schreibt auch in diesem Jahr wieder einen Preis aus für den kreativsten Umgang mit den Grundrechten. Ich bin in der Jury. Vorschläge noch bis zum 31. Oktober. Wer mich live erleben möchte: 27. Oktober, Regensburg, Kolpinghaus, 19 Uhr. Thema: Journalismus und Macht. Ab Freitag dann zwei Tage im Freihafen (mein Thema dort: Zukunft der Medien) und am 2. November vermutlich in der Corona-Enquete im Bundestag. Stellungnahme und Vortrag dann auch auch unserer Seite und hier im Newsletter.

#journalismus#literatur#nachrichten#ostdeutschland#politik
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Medienforscher, Ausbilder und Journalist. Seit 2002 Universitätsprofessor an der LMU München.

michael_meyen@pareto.town

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