„Das Gespräch ist die Seele der Demokratie“, steht auf einem Buch über Peter Glotz, SPD-Vordenker und Uni-Kollege, an dem ich vor Jahren mitarbeiten durfte. Ich sehe ihn noch vor mir, diesen hageren Mann, groß, immer leicht gebeugt, ungeduldig im Umgang, und mit den Armen rudern und nach Worten suchen. Für das Buch durfte ich in seine alten Texte eintauchen und habe einen Akademiker und Politiker gefunden, der den Journalismus in die Pflicht nahm und sich dabei am Agora-Ideal orientierte. Alle reden lassen, zuhören, abwägen.
Peter Glotz ist 2005 gestorben und hat offenbar die Seele der Demokratie mitgenommen. Kein Gespräch mehr, nirgends, jedenfalls nicht über die Lagergrenzen hinweg und damit nicht so, wie Glotz es liebte und lebte – auch in Regensburg nicht, wo ich diese Woche auf BSW-Einladung im Kolpinghaus gesprochen habe und vorher erleben durfte, wie eine „Initiative gegen Rechts“, getragen von SPD, Grünen, Linken und DGB, Druck auf Veranstalter und Vermieter machte und dabei von der Lokalpresse unterstützt wurde. Wir hatten dann zwar keine Gegendemo, aber drei Polizeiautos vor der Tür und Security im Haus. Das kollektive Gedächtnis wird künftig „Vorsicht!“ rufen bei jedem Redner, der solchen Initiativen nicht in den Kram passt.
Ich hatte das schon geschrieben und war auf dem Weg zum Freihafen, einer Veranstaltung von Paul Brandenburg auf Mallorca, als uns die Nachricht erreichte, dass der Gastgeber nicht dabei sein wird. Moabit. Mehr weiter unten in den Nachrichten.
Und das BSW in Bayern? Schwierig. Meine Gastgeber hatten noch am Landesparteitag zu kauen, drei Wochen her, aber noch nicht verdaut. Abgang Klaus Ernst mit Tamtam, Wahlanfechtungen, Kostenberg. Parteikram eben, der den Kopf unten hält und die Gedanken im kleinen Kreis Karussell fahren lässt. Die Seele der Demokratie, das habe ich in Regensburg gelernt, leidet nicht nur an Moralwächtern und ihren willfährigen Helfern im Journalismus, sondern auch an der Form Partei. Ins Gespräch kommt man besser ohne sie.

Texte#
Wie möchten wir leben? Dieser Bericht von Beate Strehlitz und Dieter Korbely hätte Peter Glotz gefallen. Elf Menschen reden einen Abend über Utopien – mit einer Moderatorin, die ihre Pappenheimer kennt.
Fördern statt verwalten. Ein Produkt aus dem Interviewkurs. Alexander Grunicke spricht mit Valentin Herbst, durch eine Zerebralparese gehandicapt und von der Förderschule über einen Weinberg in die Sozialpädagogik gekommen, über sein Lebensthema.
Sinn für höhere Werte. Auch Uta Kühner war im Interviewkurs, hat dann aber doch lieber einen Kommentar geschrieben. Thema: ein Deal, auf den sich ein Teil der Jugend offenbar nicht einlassen will. Wenn man so will: aktuell zum Tage.
Endlager Meeresgrund. Neue Folge aus der Serie „Atomkrieg aus Versehen“ von Bastian Werner, der hier einen U-Bootunfall vom Oktober 1986 mit dem Abrüstungsgipfel von Reykjavik verlinkt.
Rufmord-Journalismus. Mein offener Brief an Andrea Rieder, Chefredakteurin der Mittelbayerischen Zeitung in Regensburg.
Verrat und Tragödie. Premiere am Buch-Tresen: Jordi Beckers, Slawistik-Student aus den Niederlanden und gerade in Jerewan, über „Night of Power“ und das Vermächtnis des Reporters Robert Fisk.
Machtinstrument Justiz. In unsere drei Nachrichtensätze hat das Urteil über zwei Tweets von CJ Hopkins nicht gepasst. Umso schöner, dass Eugen Zentner das am Medien-Tresen aufnimmt.
Der Tag in drei Sätzen. Auf den Fotos in dieser Woche: Belgrad, Harry Kane, Gadi Eisenkot, Elke Sommer und Paul Brandenburg.
Videos#
Die Interviews mit Roland Dantz (Langzeit-OB von Kamenz) und Kenneth Anders (Kulturwissenschaftler im Oderbruch) sind noch in der Postproduktion. Bleibt also Zeit für meinen Film über „2015“, den neuen Roman von Raymond Unger, oder für das Buch selbst.

Kurse#
Wenn Sie einmal zu uns kommen und hineinschnuppern möchten in das Journalismus-Handwerk: Wir freuen uns auf Ihr Motivationsschreiben (wer bin ich, was kann ich schon, was fehlt mir noch). Gern weitersagen. Bewerbungsschluss für die Frühjahrskurse ist am 6. Januar, aber Sie wissen ja: Der frühe Vogel … Programm für 2027:
10. bis 14. März: Kompaktkurs Journalismus
8. bis 11. April: Reportage + Porträt, Kommentar + Rezension
23. bis 26. September: Interview
7. bis 10. Oktober: Journalismus-Retreat
Außerdem jederzeit (wochentags, Anfragen per Mail): Still bleiben, dagegenhalten, weglaufen? Wie wir im Gespräch bleiben.
Sonstiges#
Montag bin ich in der Corona-Enquete des Bundestags. Thema: „Wissenschaftsberatung, Krisenkommunikation und die Rolle der Medien“. Meine Stellungnahme ist ab Montag früh auf unserer Seite – ergänzt dann hoffentlich durch einen Bericht und am Donnerstag auf jeden Fall durch eine Rezension (5 Minuten gegen die Macht, Tom Lausen).


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